Lernlust_und_Bildung

Do
4
Okt
2007

Handwerk zum Anfassen
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Heute stand ich endlich mal wieder bei meinem Lieblingsbäcker Effenberger Gläserne Backstube am Dammtorbahnhof, um endlich mal wieder diese wahnsinnig tollen Rosinenbrötchen und Käsestangen zu kaufen.

Da die gesamte Backstube samt Verkauf im einem Torbogen unter dem (Hoch-) Bahnhof untergebracht ist, kann man eigentlich schon durch die großflächigen Scheiben nahezu alles mitverfolgen, was im Inneren passiert - daher auch der Name.

Heute allerdings stand ein ganze Kindergruppe mitten in der Backstube, und bekam vom Bäckermeister persönlich erklärt, wie alles so ablaufen würde in einer Vollkorn-Bäckerei. Sehr schön fand ich seine Erklärungen, was ein Handwerker denn so grundsätzlich sein würde, und wie sich dieser von anderen Berufen unterscheidet.

Kinder sollten viel häufiger Gelegenheit haben, mal die Arbeitsplätze der Erwachsenen zu besuchen, um so ein besseres Verständnis dafür zu bekommen. Ich meine nicht, daß Kinder frühzeitig in Firmen angelernt werden sollen, aber mehr als nur ein Schulpraktikum in der 8. oder 9. Klasse halte ich schon für sinnvoll, um einer zu einseitigen Berufswahl vorzubeugen.

Nur wer frühzeitig ein breites Spektrum an möglichen Berufen kennengelernt hat, kann später auch eine fundierte Auswahl treffen, anstatt einfach unbeleckt irgendwo reinzuspringen.

Und wer sich nun wundert, weil er das irgendwie kennt, liegt nicht ganz falsch, so er denn in der DDR aufgewachsen ist. Mal abgesehen vom Wehrkundeunterricht halte ich nämlich das DDR-Modell einer gemeinschaftlichen Schule mit Praxisbezug für deutlich besser als unseren westdeutschen Kram, der uns Jahr für Jahr neue Rekordleistungen beschert - nämlich nach unten.

Wo lebensferne Lehrpläne nur noch dem Willen der Politiker dienen, kann es ja auch nicht besser werden.

Mi
13
Jun
2007

Nachsprecher sind doof
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

In Nordrhein-Westfalen sind beim ersten Sprachtest für Vierjährige 95.000 von 145.000 Kindern durchgefallen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht die Verantwortung für das ernüchternde Ergebnis vor allem auf Seiten der Prüfer (Quelle: Telepolis: Ein pädagogisches Armutszeugnis)

Wenn eine wie auch immer geartete und vor allem neue Prüfung eine Durchfallquote von ca. 66% aufweist, sollte gewisse Menschen mal ins Nachdenken kommen.

Meine Überschrift bezieht sich auf die Sorge des Interviewpartners, daß Kinder, die im Test alles einfach ohne Rückfrage nur nachsprechen vielleicht schon zu eingeschüchtert sind, was eigentlich keine gute Voraussetzung für eine Einschulung ist.

Do
1
Mrz
2007

Deutsches Schulsystem ein Fall für den UN-Menschenrechtsrat
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Demnach fordert Vernor Muñoz Deutschland eindringlich auf, das mehrgliedrige Schulsystem noch einmal zu überdenken und die föderalismusbedingten Unterschiede in Organisation und Durchführung abzuschaffen. Die frühe Aufteilung von durchschnittlich zehnjährigen Kindern auf verschiedene Schulformen sei "extrem selektiv", im internationalen Vergleich "untypisch" und ansonsten überhaupt nur noch in Österreich üblich. (Quelle: Telepolis: Deutsches Schulsystem: "Extrem selektiv")

Toll. Vernor Muñoz wird die von ihm aufgefundenen Defizite im deutschen Schulsystem auf der vierten Sitzung des UN-Menschenrechtsrats am 21. März 2007 vorstellen. Deutschland ist also ein Fall für den UN-Menschenrechtsrat geworden, und hat nicht mehr "nur" ein Bildungsproblem.

Wie tief müssen unsere Bildungspolitiker eigentlich noch in der selbstgemachten Scheiße herumwühlen, bevor die endlich anerkennen, wie weit heruntergekommen das deutsche Bildungssystem mittlerweile ist? Und dieses ewige Gelaber, man müsse nur die Zügel härter anziehen, dann würde auch wieder besser gelernt, hat spätestens seit den Schüler-Amokläufen jegliche Grundlage verloren.

So
25
Feb
2007

Lobe zielgerichtet und nicht sinnlos
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Fehlendes Qualitätsbewusstsein ist vermutlich die schlimmste politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Folge der Allgegenwärtigkeit von Lobhudelei und Abwesenheit von Kritik. (Quelle: Süddeutsche Zeitung - Magazin: Ein Bild von einem Kind (15.02.2007))

(via DAILY IVY)

Bitte den ganzen SZ-Magazin-Artikel lesen, er ist es wirklich wert.

Di
16
Jan
2007

Schnittstelle
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Was man so alles über sich herausfindet, wenn man es mal jemand vollkommen fremden erklärt.

Ich bin ein Universal-Übersetzer. Allerdings mit einer eher seltenen Kombination von «Sprachen»:
  1. Deutsch - Englisch, Englisch - Deutsch
  2. Macintosh - Windows, Windows - Macintosh
  3. EDV-Spezialist - Anwender, Anwender - EDV-Spezialist
  4. Deutsch - Windows, Windows - Deutsch
Sehr oft nämlich scheitert die Kommunikation zwischen bestimmten Personengruppen einfach nur an den verschiedenen Fachsprachen, welche jeweils benutzt wird. In der Vergangenheit habe ich eher nebenher «gedolmetscht», aber in Zukunft werde ich das als eine der Geschäftsgrundlagen meiner Existenzgründung aktiv nutzen und vorantreiben.

So
14
Jan
2007

Durchbruch in der Leseförderung
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Auf dem Rückweg nach Hamburg passierte es im Zug. Ich mußte es anhören. Es war un-aus-weich-lich! Und fast unglaublich!

Eine Mutter hat ihrem Sohn aus einen Kinderbuch vorgelesen. Mit fester Stimme, gutem Klang und gelungener Akzentuierung. Und sie tat es laut, aber nicht unangenehm. Und der Junge hörte zu. Achtete auf das, was sie erzählte. War gespannt bei der Sache.

Kurz vor dem Aussteigen dankte ich der Dame noch für die kleine Lesung, deren Ohrenzeuge ich wurde. Ich meinte, sie hätte wohl auch Übung darin, so gut wie sie gelesen hätte? Sie antwortete, daß es ja nicht nur gut für ihn wäre, sondern ihr auch Spaß bringen würde.

Würden bloß mehr Eltern so denken und handeln. Leseförderung heisst auch, daß man Kindern durch Vorlesen die eigene Sprache und ein Sprachgefühl dafür vermittelt, und sie nicht nur einfach von seelenlosen Geräten herunterplappern lässt. Aber das ist den meisten vermutlich schon zuviel Aufwand.

Mo
18
Dez
2006

«PR-Berater, bleib bei Deinen ...»
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

... wenn dann Emails an der Firewall abprallen ... (Quelle: PR-Berater in Vorlesung der Universität Hamburg)

Ich brauche mir keine Sorgen über meine berufliche Zukunft zu machen. Langjährig im Berufsleben stehende Firmenleiter wirbeln EDV-Begriffe fröhlich durcheinander. Ach ja, er ist deutlich jünger als ich.

Dürfte jemand aus dieser Kategorie sein, denn unzureichend qualifizierender EDV-Unterricht hat an deutschen Schulen schon seit Jahren Tradition.

Fr
24
Nov
2006

Deutschlands blöde Lehrer?
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Die Bundesländer stellen weit weniger Lehrer ein, als die Kultusministerkonferenz erwartet hat. Zwischen 2003 und 2006 wurden über 16.000 potenzielle Stellen nicht besetzt

(...)

Dabei würde die verstärkte Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern ohnehin nur einen Teil des Problems lösen. Die mangelnde fachliche und didaktische Qualifikation vieler Pädagogen und die unzureichenden Weiterbildungsangebote bieten sich gleich anschließend als zentrale Aufgaben der deutschen Bildungspolitik an.
(Quelle: Telepolis: Bildungspolitik mit dem Rotstift)

Die spannende Frage ist, ob hier Henne-Ei gespielt wurde und wird. Sparen die Bundesländer so viele Lehrerstellen ein, weil es zuwenige adäquaten Nachwuchskräfte gibt? Ist das Bewerberangebot oft einfach nicht tauglich für den Schuldienst?

Oder tauchen so viele unzureichende Lehrer auf, weil frühere Sparaktivitäten sie überhaupt erst so absaufen ließen?


Oder gibt es plötzlich zuwenige Lehramtskandidaten infolge früherer Sparaktivitäten?

Wie auch immer - in den letzten drei Jahren hat sich auf breiter Front nicht wirklich eine Verbesserung im deutschen Bildungswesen ergeben. Persönlich darf ich das ja jeden Montag nachmittag in der Uni Hamburg miterleben.

Mo
20
Nov
2006

Jugend im Zeitalter der Leistungsdrücker
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Posting war als Kommentar zum Emsdetten-Posting bei «Rainer sacht» geplant, war aber zu groß für die Kommentarbox (Nachtrag:) wegen der enthaltenen Hyperlinks wartend auf Freigabe, daher erscheint er hier. Bitte erst obiges Posting bei Rainer lesen, dann hier weiter.


Bin eben durch den oben verlinkten SPON-Artikel, die netzeitung und Tagesschau online getobt.

Du hast verdammt noch mal mehr als recht. Du hast es auf den Punkt gebracht, den sozialen und menschlichen nämlich. Die oben genannten Medien reiten auf dem Geschehen und vor allem auf dem Computergeballere nebst nachgespielter Wirklichkeit herum. Ich sehe das ähnlich wie Du als gemeinsame Nebenerscheinung, aber nicht auslösende Ursache. Wer aus allen sozialen Rahmen fällt, fällt in die Hände der Medienindustriellen, ohne das es groß auffällt.

Was mir nach meiner oben genannten Lektüre auffiel, war die häufige Nennung des Wörtchens "Bayern". Die netzeitung hat sich mal die Mühe gemacht, Amokläufe von Schülern in zeitlicher Reihenfolge darzustellen, wobei laut der Liste die meisten in Bayern (3x) passiert sind. Gleichzeitig erwähnte eine Kriminalpsychologe im tagesschau.de-Interview, daß Bayern "Sicherheitsanalysen an Schulen und öffentlichen Gebäuden erstellt (hat)."

Ich spekuliere mal wild drauf los. Kann es sein, daß der Leistungsdruck an bayerischen Schulen viele kleine wandelnde Pulverfässer erzeugt hat, was den Damen und Herren Verantwortlichen schon länger bewußt ist? Warum allerdings verändern sie nicht die schulischen Rahmenbedingungen, sondern verschanzen sich wieder hinter Analysen und Plänen? Weil sie dann zugeben müßten, daß sie die jugendlichen Gehirne einfach an die Wand gefahren haben mit der bekloppten Superleistungsdenke?

Der bereits zitierte Kriminalpsychologe wies auch darauf hin, daß es einen "hohen Anteil an Gymnasiasten oder zumindest Jugendlichen mit höherer Schulbildung unter den Tätern (gebe)". Das sind also nicht die bereits heute gebrandmarkten Verlierer Marke PISA, sondern die künftigen "Leistungsträger", die mit der in sie hineinprojezierten Rolle nicht klar kommen. Sehr viele werden eher depri, sehr wenige schießen um sich.

Die sozialen Netze brechen immer mehr weg: Eltern arbeiten sich angesichts von Millionen von Arbeitslosen lieber kaputt, anstatt für ihre Kinder da zu sein. Lehrer halten die Fassade einer Bildungsgesellschaft eher schlecht als recht aufrecht und entlassen sehr unfertige Menschen in die Arbeitswelt. Der Staat kürzt seine Leistungen an allen Ecken und Enden, weil angeblich kein Geld mehr da sei. Wo soll da noch ein Gefühl von Sicherheit für den Einzelnen aufkommen? Gleichzeitig feiern die Luxuswaren-Branchen einen Umsatzrekord nach dem anderen. Wo kommt denn dort auf einmal das viele Geld her?

Mich wundert eher, daß es nicht noch viel mehr Amokläufer gibt. Man will uns alles nehmen, weil es angeblich nicht mehr anders geht. Schämt Euch, ihr Lügner.

Künftige Eliten
(Rubrik: Lernlust_und_Bildung)

Spannende Dialoge gab die Vorlesung heute her. Künftige Fach- und Führungskräfte zeigten, wie sie bereits in ihrem Studium mit Spitzenleistungen auftrumpfen, um später dann Leiter und Lenker in Staat und Wirtschaft zu werden.

Die Vorlesung behandelte die Einnahmeüberschußrechnung für nicht gewerbesteuerpflichtige Selbstständige. Externe Dozentin (ED) und BWL-Student (S) lieferten sich folgenden spannenden Dialog (sinngemäß, nicht wortwörtlich):

S: Und wo bekommt man nun dieses Formular? Im Internet?
ED: Das Finanzamt Hamburg hat keine Homepage.
S: Ja, aber das muß man sich doch irgendwo herunterladen können?
ED (trocken): Das steht wie bereits erwähnt im Umsatzsteuergesetz drin. Finden Sie auch auch der CD, die ich hier vorne liegen habe.

Das war nur die Spitze des Eisbergs der Unwissenheit, der in dieser Vorlesung mal oberhalb der Wass... äh Wissenslinie auftauchte. Andere Fragen von Seiten der Studierenden waren zwar weniger peinlich, zeigten aber auch klare Probleme in den Bereichen «Alltagswissen» und «wissenschaftliches Arbeiten» auf.

Ein nicht geringer Teil der künftige «Info-Elite» kennt scheinbar kaum noch Bücher oder andere Nicht-Internet-Quellen. Wenn ich meinen Eindruck der heutigen Vorlesung mal rabiat übersteigere,
scheint sich ein Teil der Studierenden die Hochschulzugangsberechtigung ergooglet zu haben, anstatt was dafür zu lernen.

Mir ist klar, in welch desolaten Zustand sich unser Bildungssystem befindet und wie es dazu kommen konnte. Bereits während meiner Studienzeit sah es alles andere als rosig aus. Aber so ein teilweise jämmerliches Herumlavieren habe ich damals nicht erleben müssen.
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