Aufgabenstellung:
Sie sind in verantwortlicher Position für eine große deutsche Discount-Supermarktkette mit hohen Besucherzahlen tätig, und müssen sich um das leidige Thema "Warenschwund durch Kunden" (vulgo: Diebstahl) kümmern.
Dazu gehört auch, dass Sie an den Kasse sicherstellen müssen, dass alle Waren aus dem Einkaufswagen auch stets den Weg auf das Förderband zum Kassenscanner finden.
Wie gehen Sie im Kassenbereich vor?
Lösungvorschlag 1:
Sie misstrauen allen Kunden, aber Sie vertrauen Ihren Mitarbeitern in der Kassenzone.
Daher lassen Sie bei der Kasse oberhalb des Durchgangs für die Kunden einen schräg von der Decke hängenden Spiegel installieren. Somit kann das Kassenpersonal mit einem Blick nach oben sehen, ob noch etwas im Einkaufswagen oder dessen unterer Ablage liegt. Sollte dort nichts liegen, ist die Sichtkontrolle abgeschlossen und das Kassenpersonal kann den Scan- und Bezahlvorgang ohne Unterbrechung fortsetzen, ansonsten erfolgt eine höfliche aber bestimmte Aufforderung an den Kunden, doch auch die "vergessenen" Waren auf das Förderband zu legen.
Bei entsprechend gut trainiertem Kassenpersonal läuft dieser optische Prüfvorgang so unauffällig ab, dass der unbescholtene Kunde im besten Fall nichts davon mitbekommt und weiterhin ein schönes Kauferlebnis in den Supermärkten Ihrer Kette geniessen kann. Trotzdem haben Sie dafür gesorgt, daß diejenigen Kunden, die zu einem "sparsamen" Zahlungsverhalten neigen, nicht die unübersichtliche Situation in der meist sehr eng gestalteten Kassenzone ausnützen können.
Lösungvorschlag 2:
Sie misstrauen allen Kunden, aber Sie vertrauen Ihren Mitarbeitern in der Kassenzone meistens, aber nicht immer.
In dieser Variante von Lösungsvorschlag 1 lassen Sie keine Spiegel oberhalb der Kunden-Durchgänge in der Kassenzone aufhängen. Sie haben nämlich den Verdacht, daß Ihr Kassenpersonal den kurzen Blick in den oben hängenden Spiegel nicht in jedem Fall durchführt, sondern in der Eile durchaus auch mal vergessen kann, oder sogar bewusst derartige Anweisungen nicht oder nicht dauerhaft umsetzt.
Stattdessen weisen Sie das Kassenpersonal an, bei jedem Einkaufswagen aufzustehen, sich über das Förderband zu beugen und eine Sichtkontrolle des Einkaufswagens vorzunehmen. Gleichzeitig haben Sie durch das Aufstehen auch eine Sichtbarmachung der Sichtkontrolle eingeführt, die auch aus einer gewissen Entfernung nachprüfbar ist, zum Beispiel durch den Marktleiter mittels einer Überwachungskamera. Alle weiteren Ablaufschritte erfolgen ansonsten wie in Lösungsvorschlag 1.
In dieser Variante bekommt der Kunde bereits die Kontrolle zu spüren, da Sie nicht mehr so unauffällig wie in Lösungsvorschlag 1 ablaufen kann. Trotzdem haben Sie damit nach Ihrer Ansicht das Problem des Warenablusses in der Kassenzone im Griff, welches Ihr Hauptziel war.
Lösungvorschlag 3:
Sie misstrauen allen Kunden, und Sie misstrauen Ihren Mitarbeitern in der Kassenzone.
Sie wissen durch eigene hausinterne Beobachtungen, daß Lösungsvorschlag 2 zwar nicht so einfach vergessen oder ignoriert werden kann wie Lösungsvorschlag 1, es aber trotzdem vorkommen kann, daß die Sichtkontrolle des Einkaufswagen mittels Aufstehen und Vorbeugen nicht erfolgt.
Ihr Ziel ist aber eine nahezu vollständige Warenausgangskontrolle. Daher entwickeln Sie ein teilautomatisiertes Kontrollsystem, welches dem Kassenpersonal keine Chance lässt, die Sichtkontrolle des Einkaufswagens bewusst oder unbewusst auszulassen.
Dazu lassen Sie an jedem Einkaufswagen unten links und unten rechts ein Schild anbringen. Das Schild hängt direkt oberhalb der hinteren Räder jedes Einkaufswagens und ist somit dicht über dem Boden. Dicht über dem Boden befindet sich auch die untere Ablage eines jeden Einkaufswagens. Gemäß Ihrer Überlegungen ist also ein Blick auf das tiefliegende Schild mit einem Blick sowohl in den Einkaufswagen als auch die untere Ablage gleichzusetzen. Somit wäre jegliche dort befindliche Ware sofort erkennbar, und Ihr Kassenpersonal könnte die aus Lösungsvorschlag 1 und 2 bereits bekannte Aufforderung für "sparsame" Kunden aussprechen.
Damit Sie als Verantwortlicher garantieren können, daß der Blick auf das tiefliegende Schild auch tatsächlich erfolgt ist, lassen Sie darauf eine 4-stellige Zahlenfolge anbringen, die für jeden Einkaufswagen unterschiedlich ist und somit nur schwer merkbar ist. Diese Zahlenfolge muss vor jedem Scan-Vorgang vom Kassenpersonal in die Kasse eingetippt werden, um somit zu beweisen, daß eine Sichtkontrolle des Einkaufswagens vorgenommen wurde.
Durch diese Kombination von Einzelmaßnahmen haben Sie erreicht, daß die bewusste oder unbewusste Umgehung der Sichtkontrolle - wie in Lösungsvorschlag 1 und 2 dargestellt - ausgeschlossen ist, da das Kassensystem nun auch eine Kontrollfunktion hat, die das Kassenpersonal nicht mehr umgehen kann.
Da der Kunde nun diesen Prüfvorgang in jedem Falle mitbekommt, denken Sie sich eine einigermassen sachlich klingende Erklärung aus, die vor allem auf der Verwendung der Aussage "für die Statistik" basiert. Diese Erklärung wird dem gesamten Kassenpersonal als Dienstanweisung für den Fall mitgegeben, daß ein Kunde nach dem Sinn und Zweck dieser seltsam anmutenden Schildersichtung fragt, die ja eigentlich nur Ihre nahezu perfektonierte Sichtkontrolle darstellt.
Somit haben Sie zwar Ihr Ziel erreicht, haben dabei aber sowohl dem Kunden als auch den eigenen Mitarbeitern deutlich gemacht, wie es um das Vertrauensverhältnis bestellt ist.
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Obiger Text entstand, nachdem ich als Begleitung gestern ein Kaufland im Norden Deutschlands betreten habe. Für mich selbst betrete ich derartige Läden nur im Einkaufs-Notfall.
Nachtrag, 26.03.2008, 14:53 Uhr:
So langsam sollte ich Trendscout für demnächst in Skandale verwickelte Unternehmen werden - wie schon im
Schokoladen-Artikel ist nun auch dieser Artikel von der Wirklichkeit eingeholt worden. Die Läden der Kaufland-Kette gehören nämlich ebenso wie die Lidl-Läden auch zur Schwarz-Gruppe:
heise online: Datenschutzverletzungen: Lidl fällt als Wiederholungstäter auf
Tags: Kaufland, Sichtkontrolle, Vertrauensentzug, Kassenschlange, Discountsupermarkt